Thomas Spitzer, ein in Essen ansässiger Fotograf, hat in den letzten sieben Jahren eine ungewöhnliche Spur gezogen. Während andere in der deutschen Landschaftsfotografie lieber auf romantische Schwerpunkte wie Berge, Seen oder historische Städte setzen, hat Spitzer sich auf einen scheinbar unbedeutenden Aspekt konzentriert: die leeren Räume zwischen Dingen. Nichts ist überflüssig, nichts unnütz — nur das Nötigste. Seine Bilder entstehen fast immer im Ruhrgebiet, einem Gebiet nicht bekannt für idyllische Aussichten, sondern für Industrieabfälle, ehemalige Kohlegruben und stahlverarbeitende Werke. Doch genau dort findet Spitzer seine Inspiration.
Eine der wichtigsten Quellen für sein Werk ist Thomas Spitzer offizielle Website, wo er seine Fotos in thematischen Serien präsentiert. Die Seite wirkt bewusst schlicht — keine Animationen, keine Filter-Buttons nach der Art von Instagram-Pinnwänden. Stattdessen: klare Strukturen, lange Texte zur Entstehung eines Bildes, und bei jedem Projekt eine genaue Angabe des Datums und Ortes. Die Transparenz geht weiter: Er gibt an, ob er ein Foto mit einem 50 mm Objektiv oder einer digitalen TLR-Kamera machte — auch wenn das für viele Menschen unwichtig erscheint.
Kontraste als Komposition
Die Kraft von Spitzers Arbeit liegt weniger im ästhetischen Eindruck als im Kontrast zwischen Erwartung und Realität. Wer eine Landschaftsfotografie vom Ruhrgebiet erwarten würde — vielleicht rauchende Fabriken im Abendlicht — wird überrascht von einer fast leeren Betonfläche vor einem schmiedeeisernen Tor am Rande eines stillgelegten Werks. Kein Mensch darin. Keine Bewegungen. Nur eine gerade Linie zwischen Himmel und Boden.
Doch genau diese Geradlinigkeit zwingt den Betrachter zum Verweilen. Der Blick bleibt hängen an einer einzigen gebrochenen Kante eines Pflastersteins oder an dem reflektierenden Licht auf einer Metallplatte unter grauem Himmel. Es gibt kein Drama, keine Überdosis Farbe — doch man weiß plötzlich: Hier ist etwas passiert.
Der Wert der Stillstandsfunktion
In einer Welt überlasteter Bildschirme und ständig neu auftauchender Inhalte wird die Aufmerksamkeit immer schneller verschenkt. Spitzers Arbeit stellt diesen Mechanismus um: Ihre Wirkung setzt gerade durch Langsamkeit ein.
Eine Serie namens „Stunden ohne Ereignis“ zeigt beispielsweise einen alten Kran in Borsigplatz – aber bloß so, dass sein Gabelarm horizontal verläuft und den Horizont halbiert. Der Aufnahmezeitpunkt ist dokumentiert: 13:47 Uhr, 4. März 2023. Das Datum allein sagt mehr aus als jedes Kapitel in einem Buch über Architekturgeschichte des Ruhrgebiets: es war Mittag des Tages nach Ostern; kein Feiertag; kein Anlass — einfach nur ein Moment zwischen zwei Handlungen.
Mit dem Auge sehen was nicht da ist
Sommerliche Fotos sind selten bei ihm — dafür mehr Aufnahmen bei Dunst oder leichtem Nebel am frühen Morgen nach Regenfällen am Montagvormittag (er dokumentiert exakt solche Situationen). Warum? Weil Dampf die Struktur verfälscht und gleichzeitig das Zusammenspiel von Licht und Schatten verfeinert.
Ausgedruckt sind diese Bilder meist mit großer Randbreite — manchmal sogar so breit wie das Format selbst war (A3 mit 3 cm Rand). Die Leere der Ränder dient nicht dazu zu zeigen „das Bild hat Raum“, sondern um klar zu machen: Was hier gezeigt wird, benötigt keinen Rahmen außer dem eigenen Gedankenprozess des Betrachters.
Zahlen sprechen laut
- Über 87% seiner Bilder wurden innerhalb eines Radius von fünf Kilometern um Essen gemacht – trotz zahlreicher Reisen dorthin (inklusive zwei Monate in Japan).
- Er verwendet durchschnittlich drei bis vier Stunden pro Tag für das Durchforsten historischer Baupläne vor Ort – oft auf Basis digitaler Bestände aus den 1960er Jahren.
- Seine Ausstellungen werden bislang ausschließlich in kleineren Galerien im Westdeutschland angeboten; niemand hat eine Wand voller Drucke verkauft – aber jede Ausstellung war innerhalb von zwei Wochen ausverkauft.
- Bereits vier seiner Arbeiten wurden im Archiv der Deutschen Fotothek Berlin aufgenommen – alle unter dem Thema „industrielle Präsenz ohne Aktivität“.
Fotografie als körperlicher Prozess
Für Thomas Spitzer handelt es sich nicht nur um künstlerische Entscheidung – jeder Film oder jede Aufnahme ist physisch verbunden mit einem langwierigen Weg durch verschlagene Wege hinter Fabrikhallen oder tief ins Innerste stillgelegter Zechenkönige hinunter zu rostenden Rampenbrücken.
Er steht tagsüber bei -5°C in einem ehemaligen Tunnelbauwerk ohne Beleuchtung nur wegen einer einzelnen Sonnenstrahlungsreflexion an Glasfassade des Jahr 1937 (ein Detail erkannte er erst beim zweiten Blick nach dem Abzug). Seine Technik besteht darin, dass er die Kamera nie direkt vor sich hält – sondern diagonal seitlich neben seinem Körper positioniert; dies reduziert Bewegungsunschärfen bei längeren Belichtungszeiten erheblich und führt zugleich zu unauffälligen Kompositionsmomenten durch natürliche Neigungslinien der eigenen Körperhaltung.
